Sheeple Farm

Ein dichter Dunstschleier lag morgens über der in einem jungfräulichen tiefen Grün erstrahlenden Wiese, die bis an den nahe gelegenen Waldrand heranreichte. Nur ein Katzensprung entfernt, so hätte es vielleicht ein Mensch ausgedrückt. Im Vordergrund weideten ein paar Dutzend Schafe, die sich am köstlichen Geschmack des saftigen Grases ergötzten. Ab und zu vernahm man ein kurzes, gedämpftes Blöken.

Sheeple Farm

„Mäh, mäh. Nein, um Himmels willen. Haltet die Hufe still“, blökte der große Schafbock, unumstrittener Meinungsführer der Herde. „Wir dürfen keinerlei Misstrauen erregen und den Zweibeinern keinen Anlass geben, gegen uns vorzugehen. Wenn sie merken, wie klug wir sind und dass wir nach Freiheit streben, würden sie uns abschlachten oder uns lebend dem Untier mit dem säbelzahnartigen Gebiss zum Fraß vorwerfen. Ja, zerfleischen würden sie uns, denn unsere Sklaventreiber kennen keine Gnade.“ Zustimmendes Blöken war zu hören.

„Verhalten wir uns vorerst weiter ruhig, dann werden sie keinen Verdacht schöpfen. Lasst uns nur inneren Widerstand leisten und Gehorsam vortäuschen, um unsere wahren Absichten vor ihnen zu verbergen. Die Zweibeiner werden uns dann in Ruhe lassen und sich mit unserer Wolle zufrieden geben, bis wir irgendwann stark genug sind, um unsere Peiniger zu überwältigen. Haltet euch daher vom Zaun fern, meine Schäfchen.“

Der große Schafbock war der ganze Stolz seiner Herde und konnte sehr überzeugend argumentieren, wenn er wollte. Nur selten hatten aber die anderen Schäfchen seiner Gemeinde, wie er sie insgeheim nannte, eine solch lange Ansprache von ihm vernommen. Sein verhaltenes, aber ausdrucksstarkes und gut verständliches Blöken erschien allen vierbeinigen Mitgliedern seiner Herde äußerst logisch und klang noch lange in ihren Schlappohren nach. Das aufsässige Verhalten einiger Mutterschafe hatte das Missfallen des Schafbocks erregt und konnte nicht geduldet werden. Er durfte schließlich nicht zulassen, dass seine Autorität in Frage gestellt wurde. Hatten einige Mutterschafe doch tatsächlich ihre wohlgenährten wolligen Körper gegen den altersschwachen Zaun gedrückt, als wollten sie testen, wie viel Druck es bräuchte, um die Zaunpfosten zum Einsturz zu bringen. Wollten seine Schäfchen etwa in den gefährlichen Wald flüchten? War es das, was sie als Freiheit bezeichneten? Sich den ganzen Tag lang auf unbekannten Wiesen und Lichtungen herumtreiben und sich vielleicht sogar mit wilden Schafböcken paaren? Das konnte er nicht zulassen.
Dummes Schafsvolk. Sie hatten es doch alle gut hier. Man hatte es sicher und warm, man sorgte für sie, geleitete sie täglich auf leckere Streuobstwiesen oder mit fettem Gras bewachsene Hügel und Deiche.

Keiner Generation seines Volkes war es je besser gegangen. Ja, sie profitierten doch von der Gemeinschaft mit den Zweibeinern. Dafür sollte man ihnen, den stinkenden Zweibeinern, eigentlich dankbar sein, so dachte der Schafbock insgeheim. Seine Herde dachte zwar mehrheitlich anders, ließ sich aber in ihrem Streben nach einem freien, unabhängigen und selbst bestimmten Leben bislang von ihm noch gut beeinflussen. Gras und Spiele, mehr brauchte es eigentlich nicht, um sie zu kontrollieren, dachte der Schafbock zufrieden, während er an einem saftigen Büschel Gras zupfte.

Wenn all dies nicht half, seine aufsässigen Schäfchen gänzlich zu besänftigen, war ein Wink mit seinen beeindruckenden Hörnern oder ein drohender Verweis auf ihren zähnefletschenden Bewacher vonnöten, den wachsamen Hütehund. Der sichtbar altersschwache und von Gelenkbeschwerden geplagte Schäferhund mit lückenhaftem Gebiss und ergrautem Fell bekam bei den Zweibeinern eigentlich nur noch sein letztes Gnadenbrot und hätte einem massiven Ausbruchsversuch seiner Herde eigentlich kaum etwas entgegensetzen können. Dennoch waren in jedem Schafsgehirn seit Urzeiten Ehrfurcht und Respekt vor windhundschnellen, zähnefletschenden und laut bellend die Herde zur Ordnung rufenden wolfsartigen Wesen genetisch fest verankert. Ein braves Schaf würde daher auch beim Anblick dieses alternden Rüden stets jeglichen Gedanken an Flucht aufgeben. Das Herz rutschte ihnen förmlich in den Pelz. Widerstand war ohnehin zwecklos. Noch nie hatte er davon gehört, dass Vertreter seiner Rasse ihr Schicksal in die eigenen Pfoten genommen hätten. Seine Schafe fügten sich und wandten sich wieder ihrer Futtersuche zu.

Der in unmittelbarer Nähe auf einem kleinen Hügel hockende Schäfer, der gerade voller Heißhunger ein mitgebrachtes Mettwurstbrötchen verspeiste, hatte die leise Unruhe unter seinen Schafen nicht beachtet.

So verlief das Leben der kleinen Herde tagein, tagaus in gewohnten Bahnen. Morgens trieb man ihr Volk aus dem Stall auf die Wiesen, wo man unter der Aufsicht des alten, grauen Schäferhundes nach Futter suchte und sich nach Belieben den Wanst vollschlagen konnte, und abends ging es dann wieder zurück in ihren kuscheligen, warmen Stall, die Massenbehausung ihres Volkes. Alle waren zufrieden, wenn auch von Zeit zu Zeit Gerüchte aufkamen, denen zufolge die Zweibeiner ihnen nicht mehr wohlgesonnen waren. Man wolle die kleine Herde angeblich durch Schafe einer anderen Rasse ersetzen, so hatte es Heidi, die kluge Heidschnucke berichtet, die als einziges Schaf die Sprache der Zweibeiner verstehen konnte. Jedenfalls hatte Heidi irgendwann behauptet, die abgehackten, grunzartigen Laute und zappeligen Bewegungen der Zweibeiner deuten und in sinnvolle Aussagen übersetzen zu können. Beim Anblick der Zweibeiner schüttelte es jedes anständige Schaf vor Ekel und Widerwillen. Der grässliche Geruch, das seltsame Aussehen, die zappeligen Bewegungen der zweibeinigen Wesen– all dies war nur schwer zu ertragen und führte auch dazu, dass man die Interaktion mit den fremden Säugern als ein notwendiges Übel betrachtete und auf das absolut Notwendigste beschränkte. Immerhin waren diese Wesen in gewisser Weise noch nützlich. „Sie befreien uns jedes Jahr im Frühjahr von unserem lästigen Pelz. Aber schwer zu glauben, dass diese primitiven Wesen zu schafsähnlichem Denken und intelligenter Kommunikation in der Lage sein sollten, geschweige denn zu zielgerichtetem Handeln,“ dachte der kluge Schafbock eines Abends und rekelte sich müde auf seinem warmen Strohlager. Nein, nein, Heidi musste sich geirrt haben. Was für ein paranoides Schaf! Vor einigen Tagen hatte sie sich gar in der Abenddämmerung heimlich davongemacht. In einem unbeobachteten Moment war sie durch ein Loch im Weidezaun gekrochen und in den Wald geflüchtet. Bislang war sie nicht wieder aufgetaucht. Na, egal. Sie würde ihre Flucht aus der Herde sicher schon bereuen. Für die wilden Raubtiere, die es da draußen geben musste, war es bestimmt ein Festmahl.

Früh am nächsten Morgen trieb man sie nicht auf die Weide. Etwas war heute anders. Ein Gefühl von Unruhe breitete sich aus. Nach kurzer Fütterung wurde die kleine Herde auf einen Lastwagen geführt. Dicht gedrängt standen nun die Schäfchen lange geduldig auf der Ladefläche. Mehrere Stunden dauerte die Fahrt, die über lange Landstraßen und sogar eine richtige Autobahn führte, wo viele andere Wagen an ihnen vorbeihuschten. Neugierig harrte man der Dinge, die da kommen mochten. Man konnte ja ohnehin nichts tun. Vor einem großen, weißen Gebäude wurden die Schafe abgeladen und in ein Gatter getrieben, wo man extra für sie eine kleine provisorische Tränke errichtet hatte. Oh, dachte der Schafbock, man bringt uns in eine neue Behausung, einen größeren Stall, den man extra für uns errichtet hat?
Aber wo sind unsere neuen Weidegründe, und warum zur Schafshölle stinkt es hier so erbärmlich nach Blut?

Ohne zu zögern packten zwei menschliche Wesen den Schafbock fest bei den Hörnern und zerrten ihn über den Hof des Gebäudes. Seine Herde folgte nun leise blökend, ohne Widerstand zu leisten. Widerstand wäre ohnehin zwecklos, dachten sie vielleicht. An der Fassade des Gebäudes prangte ein breites Schild mit schwarzen Lettern, die aber niemand aus dem Volk der Schafe entziffern konnte. Die von einer Laderampe an der rechten Seite des Gebäudes abfahrenden Lkws waren mit Kühlaggregaten ausgerüstet und schienen voll beladen zu sein.

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