Splitter

Ich habe Hermann Gröhe gesehen. Gerade eben im Fernsehen.
Hermann Gröhe ist ein Mann von respektabler Statur mit einem glatten, offenen Gesicht. Er weiß sich gut auszudrücken und wirkt wie der nette Onkel von nebenan, der sich seinen Bediensteten gegenüber fair verhält. Ein routinierter CDU-Berufspolitiker mit 7.500 Facebook-Likes, der sich seit seinen Schülersprechertagen mit Leib und Seele der Sache der CDU verschrieben hat. Er hat es sogar bis zum Generalsekretär gebracht. Mehr Sekretär als General zwar, und man ahnt, dass er wie so viele der merkelschen Jungs als Platzhalter auf Abruf installiert wurde, aber immerhin. Dies soll seine Leistung nicht schmälern.

Viele würden sich wünschen, einmal im Leben gemeinsam mit Frau Merkel auf der Bühne stehen zu dürfen und den Jubel des tumben Wahlvolkes zu genießen. Da muss man schon ein echter Profi sein, um es so weit zu bringen.

Als ich ihn eben in der Tagesschau sah, musste ich nur immer an diese eine Szene auf der letzten CDU-Wahlparty denken, die man sicher noch auf Youtube anschauen kann:
Die CDU-Spitzen jubeln und singen gar ausgelassen auf einer Bühne und feiern ihren Wahlerfolg. Herrmann Gröhe zieht auf einmal diese kleine schwarz-rot-goldene Papierflagge heraus und schwenkt sie hin und her. Weiß der Geier, wie er es geschafft hat, dieses anrüchige nationalistische Symbol in den Saal des Adenauer-Hauses hereinzuschmuggeln.

Hermann Gröhe zeigt beim Schwenken der Flagge mit unseren Nationalfarben diesen kindlich-ausgelassenen Gesichtsausdruck, einen kurzen Moment blinkt diese ungetrübte Freude in seinen Augen auf, ehrliche Freude und Zuversicht, die nur noch wenige Erwachsene haben, die kaum Enttäuschungen und Rückschläge im Leben erfahren mussten.

Merkel stutzt, als sie ihn mit der Flagge in den Händen erblickt, hastet zu ihm, und nimmt ihm mit tadelndem Kopfschütteln die kleine Kinderflagge aus der Hand.
Mit leicht verkniffenem Gesichtsausdruck, den man als Ekel deuten könnte, legt Merkel sodann den Gegenstand des Ärgernisses, das „Winkelement“, wie sie es nennt, achtlos in der Ecke ab und schaltet wieder in den Jubelmodus um. Man soll keine falschen Schlüsse ziehen.

Hermann Gröhe ist sichtbar überrascht, es kostet es ihn einige Mühe, seine Enttäuschung über diese Demütigung zu verbergen. Man ist eben Profi.