Blick/Sprung über den Tellerrand

Cypher: „Ich hab diesen Krieg satt. Ich will nicht mehr kämpfen, ich habe dieses Schiff satt, diese ewige Kälte, diesen widerwärtigen, schleimigen Fraß jeden Tag …
Wenn ich die Wahl habe zwischen der Matrix und hier, hmm, dann entscheide ich mich für die Matrix!“

(Zitat aus „Matrix“ (Film), 1999)

Wir kennen flache und tiefe Teller, dicke und dünne Bretter sowie lange und kurze Schatten. Je nach Größe und Beschaffenheit dieser (aus Porzellan, Kunststoff, Holz oder geheimnisvoller Schattenmaterie bestehenden) Objekte und abhängig von den kognitiven Fähigkeiten des Rezipienten der modernen Vielfalt digitalisierter Medien war und ist es immer ein anspruchsvolles Unterfangen, über den Rand des eigenen Tellers zu blicken, das vor dem Kopf hängende Brett zu durchbohren oder über den eigenen Schatten zu springen (insbesondere Letztgenanntes dürfte den wenigsten Medienkonsumenten gelingen, mir auch nicht und schon gar nicht auf Dauer).

Die offiziösen Medien haben uns mit der Zeit in eine mentale Matrix gezwungen. Da sitzen wir nun drin und können nicht anders. Der Gegensatz zwischen der veröffentlichten und der öffentlichen Meinung scheint immer größer zu werden. Das sichtbare Internet (mit der Fülle verfügbarer, jedoch selbst zu bewertender Informationen) böte eine Möglichkeit, sich aus den Fängen dieser Matrix zu befreien – rote Pillen werden zuhauf angeboten (nur als Gleichnis).

Aber was, wenn die Erkenntnis bzw. die Vorstellung, in einer riesigen Illusionsblase zu leben, selbst Teil eines irrealen Programms ist – einer in sich verschachtelten Matrix?
Wenn auch die Netzöffentlichkeit nur quasi eine simulierte Oppositionsumgebung ist, die Unzufriedenheits- und Widerstandspotential binden soll, genau wie diese ganzen angeblich so kritischen Kabarettisten und Komiker im Grunde nur als Hofnarren dienen und eine systemische Ventilfunktion innehaben: kurz erleichtert Dampf ablassen; Kritik und Empörung durch humoristische oder zynische Verpackung geordnet kanalisieren.

Eine vielfältige und freie Netzöffentlichkeit ist vorhanden, bewirkt aber im Grunde nichts, da deren Akteure und Autoren (verständlicherweise) keine Bewertungs- oder Deutungshoheit innehaben – die liegt nämlich nach wie vor bei den omnipräsenten und mächtigen Staatsmedien und deren Lakaien. Entscheidend ist nicht, dass andere Fakten und Meinungen irgendwo im Netz veröffentlicht sind (abgesehen davon, dass Google und Wikipedia selbst erarbeitetes Wissen und eigene Erfahrungen nicht ersetzen können), sondern dies: Die Bereitstellung von differenzierten bzw. alternativen Inhalten, Nachrichten, Meinungen und Kommentaren ist nichts im Vergleich zur „Agenda Setting Role“ der alten Medien – bei ihnen liegt die wahre Macht zur Thematisierung, zum Setzen der Themenschwerpunkte. Wer bestimmt denn Tag für Tag aufs Neue darüber, welche Themen in der Tagesschau zur Sprache kommen oder in den unsäglichen Quasselshows auf die Tagesordnung gesetzt werden, wer in den Sendungen zur Sprache kommt, welche Empörungskampagnen losgetreten werden, worüber reißerisch berichtet wird oder welche Informationen über die Ticker und Headlines laufen oder verschwiegen werden? Alternative Medien können nur reagieren und werden in Einzelfällen dann auch gehört, erreichen aber nie diese Breitenwirkung. Erst wenn etwas von den alten Medien aufgegriffen wird, hat es in der öffentlichen Wahrnehmung stattgefunden, so oft mein Eindruck.

Mal ehrlich, was schätzt Ihr, wie viele Leute lesen oder informieren sich in alternativen Medien, Blogs oder dergleichen im weltweiten Netz? Die effektive (nicht theoretische) Reichweite dürfte geschätzt höchstens im einstelligen Prozentbereich all jener Leute liegen, die sich im Internet tummeln und dann willens oder fähig sind, längere Texte aufzunehmen und zu verstehen. Die Breitenwirkung ist gering, die Aufmerksamkeitsspanne kurz.

In der Auswahl dieser Themen, der gezielten Aufbereitung bestimmter Informationen und ihrer Allgegenwart (man kann ihnen nicht entfliehen) liegt die wahre Macht der alten Medien. Die Folge daraus ist, dass viele „Insassen der Matrix“ bereits innerlich dicht machen, sich zurückziehen, abschließen, nichts mehr hören oder lesen wollen – ein verständlicher Schutzreflex.
Aber anders gefragt: Lohnt es überhaupt, sich aus diesem Gedankengefängnis zu befreien? Sieht man dann klarer? Lebt man nicht innerhalb der Matrix zufriedener, besser, ruhiger?

Wahrscheinlich ist übrigens, dass die meisten Kandidaten, die Morpheus aus der Matrix befreien wollte, lieber die blaue Kapsel wählten, sich also dafür entschieden, ihr bisheriges ruhiges und zufriedenes Leben beizubehalten. Bequemer Selbstbetrug statt unbequemer Wahrheit. Von denen, die die rote Kapsel schluckten, versanken wohl viele später in Depressionen, resignierten, begingen Selbstmord oder baten darum, gnadenhalber wieder in die Matrix und die Kolonie der menschlichen Batterien aufgenommen zu werden. Dies ist die traurige Wahrheit: Die meisten Matrixbewohner würden wohl gar nicht befreit werden wollen.

2 thoughts on “Blick/Sprung über den Tellerrand”

  1. Sehr schön formuliert und so treffend. Der Blick über den tellerrand sieht nur graue Wolken, auf dem Tellerboden scheint die Sonne. Manchmal frag ich mich auch, wohin mein Blick gehen sollte. Aber irgendwie steckt so ein kleines Revoluzzer-Gen in mir, das nicht aufhören kann, dagegen zu rebellieren, nur im Teller zu schwimmen. …

    1. Ja, bei mir auch. Ganz genau. Obwohl, wie mir nach einem Gespräch neulich (wieder einmal) klar wurde: Im Teller hat man wenigstens seine Ruhe, da schwimmt man zwar immer in derselben lauwarmen Brühe/Suppe, aber wer weiß schon, ob man den Blick oder Sprung über den Rand nicht letztlich bereut. Nicht jedermanns Sache.
      ***
      Schon mancher mutige Fisch hat den Schritt zur Erkenntnis bzw. den Sprung in die vermeintliche Freiheit mit dem Leben bezahlt. Nach dem Sprung aus dem offenen Aquarium landete er – im Nichts (auf dem Boden) und starb.

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