Vom süßen Brei

Als Kind war ich ein ziemliches Leckermaul und immer auf eine Extraportion Pudding, Götterspeise oder Grießbrei aus. Vielleicht war ich deshalb so fasziniert von einem Märchen der Gebrüder Grimm, das meine kindliche Fantasie auf so wundersame Weise anregte:

Einst bekam ein Mädchen von einer alten Frau einen magischen Topf geschenkt, aus dem auf einen bestimmten Befehl hin leckerer, süßer Brei hervorquillt. Die Familie muss von jetzt an nie mehr hungern. Aber eines schönen Tages, als das Mädchen außer Haus ist, nimmt dessen Mutter den Wundertopf in Betrieb, obwohl sie den zum Stoppen der Breiproduktion nötigen Zauberspruch nicht kennt. Daraufhin quillt immer mehr und mehr Brei aus dem Topf heraus, bis der einst so segensreiche, jedoch im Übermaße zum Fluch gewordene Brei schließlich die ganze Stadt unter sich zu begraben droht.

Das Märchen vom süßen Brei aus meiner Kindheit kommt mir manchmal in den Sinn, wenn ich mir das Fernsehprogramm der öffentlich-rechtlichen TV-Kanäle zu Gemüte führe.
Das ewige Gebrabbel der sich im Kreise drehenden Talkshows auf zdf und ard mit der oft reichlich gespielten Empörungsrhetorik der üblichen Verdächtigen betört Geist und Sinne wie jener sagenhafte klebrige, süße Brei, der sich, nachdem man reichlich davon zu kosten bekam, nach und nach auszubreiten scheint, bis er wie ein unaufhaltsamer zähflüssiger Strom alle anderen Programmplätze unter sich zu begraben droht. Es scheint, als hätten die Programmverantwortlichen vergessen, den automatischen Breikessel abzuschalten.

Denn im Dienste der Demokratie wird bei ARD und ZDF von montags bis freitags geplappert, was das Zeug hält.

Die zwangsweise vom Bürger finanzierten Fernsehsender scheuen weder Kosten noch Müh, um ihrem geschätzten Publikum Woche für Woche Diskussions­simulationen mit hochbezahlten Moderatoren in stylishen Outfits vor den Kameras zu präsentieren.

Dank öffentlich-rechtlicher Bildschirm-Omnipräsenz können die populären menschlichen Werbeträger mit ihren dezent gepuderten Gesichtern für die Dauer einer Sendung jeden Mief eines in sich selbst ruhenden, autarken TV-Biotops vertreiben und mit jeder gebührenfinanzierten Sendung ihren eigenen Bekanntheitsgrad und Marktwert in die Höhe schrauben.

Die Plauderwoche wird bei der ARD am Montag mit Frank Plasberg eingeleitet. Dienstag folgt der Plausch mit Sandra Maischberger, nahtlos schließt sich am Mittwoch Anne Wills Auftritt an. Donnerstag ist dann Beckmann-Tag, und beim ZDF quasselt sich Markus Lanz von dienstags bis donnerstags durch die Abende. Maybrit Illner wiederum geht beim ZDF immer donnerstags auf Sendung. Wem das alles noch nicht reicht, der hat am Sonntagvormittag noch Gelegenheit, sich beim Presseclub der ARD nochmal in etwas beschaulicherem Tempo mit wiederkäuenden Diskussionen berieseln zu lassen. Absoluter Knüller zum Wochenausklang ist freilich der ARD-Polittalk mit RTL-Quizmaster Günther Jauch, der sich als Plaudertasche in den Diensten des NDR am Sonntagabend noch etwas hinzuverdienen darf.

Woche für Woche werden nun auch die üblichen Verdächtigen, bekannte Namen aus Politik und Medien – medialen Gladiatoren gleich – in die gut ausgeleuchteten Arenen der Studios entsandt, um sich in Betroffenheitsdiskussionen und Labershows im Spotlight müde Scheingefechte zu liefern, denen man meist nur zuschaut, um sich die eigene vorgefasste Meinung bestätigen zu lassen oder um den gerade sprechenden Diskutanten durch einen kurzen Zuruf vor dem Bildschirm symbolisch zu unterstützen („Recht hat er“) oder abzuqualifizieren („der Volltrottel“) und dann eine neue Chipstüte aufzureißen und zu einem Privatsender weiterzuzappen…

Jedenfalls drängt sich mir der Eindruck auf, als würde man die Akteure für die meisten Gesprächsrunden aus einem immergleichen Kreis von etwa 50 Namen rekrutieren, die ähnlich der „Heavy Rotation“ bei Musiksendern durch alle Talkshows zu tingeln scheinen.

Abgesehen von der Themenstellung, die sich ohnehin meist am aktuellen Zeitgeschehen orientiert, dürfte die Auswahl der Gesprächskandidaten durch den Programmchef oder verantwortlichen Redakteur einen maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg einer Talkshow haben und auch eine gewisse Erwartungshaltung beim Publikum schüren.

Natürlich ist es verständlich, dass man ausgebuffter Medienprofi sein muss, um in einem Talkshow-Auftritt eine gute Figur abzugeben. Da die Zahl derer, die gewillt und fähig sind, bei den sich zuweilen in ermüdender Folge wiederholenden Themen anzutreten, offenbar begrenzt ist, scheinen die Sender meist auf bewährte Quotengaranten (z. B. Dirk Müller, Wolfgang Grupp, Oskar Lafontaine, Gregor Gysi) zurückzugreifen.

Dennoch kann man vermuten, dass die Zusammensetzung der Teilnehmer einer Talkshow in gewissem Maße deren Ausgang vorwegnimmt oder zumindest stark beeinflusst.
So scheint mir, dass es sich die Programmgestalter im heimeligen Biotop des öffentlich-rechtlichen Fernsehens allzu leicht machen, dem einig Volk der Gebührenzahler eine diskursive Meinungspluralität in einem unterhaltsamen Format vorzugaukeln.

Man sollte daher wohl die erwähnten Talkshows generell nur als inszeniertes Entertainment wahrnehmen, das man nur in Maßen genießen sollte.

Denn egal, wie süß – auch der schmackhafteste Einheitsbrei wird einem irgendwann zuwider.

Im Märchen wurde dem außer Kontrolle geratenen Breikessel übrigens zu guter Letzt noch Einhalt geboten.

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