Träume

Die meisten Träume sind belanglos, daher vergesse ich sie sofort oder binnen kürzester Zeit nach dem Erwachen. An manche, auch noch weit zurückliegende Träume erinnere ich mich indes noch jahrelang, auch wenn ich sie mir nie notiert habe.
Irgendwann habe ich mal Gerhard Schröder in einem harten fiktiven Streitgespräch zum Weinen gebracht. „Heul doch“, sagte ich ungerührt und schob noch irgendeine beleidigende Bemerkung hinterher. Unentschuldbar, aber man soll ja nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, schon gar nicht im Traum. Ich sah zu, wie seine Gesichtszüge entgleisten und seine Augen feucht wurden. Mitleid, gemischt mit einer Spur Verachtung empfand ich wohl. Ich erinnere mich auch, dass ich verstört war, mich sogar schämte, als ich später aufwachte. Wie hatte ich es wagen können? Ihn, den verdienten Politiker und Kanzler, so anzugreifen? Er hatte wenigstens was aus sich gemacht, es zu etwas gebracht. Nach heutigen Maßstäben war das, was ich träumte, eine verfassungsfeindliche Verunglimpfung von Verfassungsorganen. Selbst im Traum unverzeihlich. Allein dafür, einen solchen Traum zu haben und ihm widerspruchs- und regungslos beigewohnt zu haben, ohne empört ins Bett zu nässen, dafür hätte man sich schämen müssen. Zum Glück waren Gedanken- und Traumverbrechen damals noch nicht strafbar. Ich hatte nichts zu befürchten.

Seltsam, dass ich mich genau an diese Traumszene noch erinnere. Das war wohl irgendwann zur Jahrtausendwende. Gerhard Schröder war damals auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Kurz zuvor hatte er einen riesigen Hit in den Charts gehabt – „Hol mir mal ne Flasche Bier“ – wofür er bzw. sein Manager Stefan Raab wohl sogar eine goldene Schallplatte einheimste und in der Berliner Partyszene gefeiert wurde. Die eingängige Melodie klingt mir immer noch im Ohr, als wär es gestern gewesen. Aus irgendeinem Grund war ich damals sauer auf Gerhard Schröder, so dass mein Hirn im Schlaf den Frust auf ganz spezielle Weise verarbeitete. Warum eigentlich? Ging es damals um irgendwelche Reformen, Subventionen, Kürzungen? Lappalien, vergleichsweise. Ich Idiot. Heute denkt man mit Wehmut an die Jahre unter Schröder zurück. Niemand ahnte, dass es noch schlimmer kommen würde. Dass nach Schröder ein dunkles Zeitalter anbrechen würde. Hätte man auch nicht geglaubt. So was weiß man immer erst, wenn’s soweit ist.

4 thoughts on “Träume”

  1. Ich “träume” meistens so zwischen schlafen und aufwachen morgends im Bett. D. h. Ich sehe was um mich herum so passiert und in meinem Kopf läuft ein Film ab.

    Irgendwie seltsam.

    Lange kann Ich mich daran aber nie erinnern.

    Der einzige Traum der mir seit über 10 Jahren in Erinnerung bleibt ist einer den Ich als Kind mal hatte. Da träumte Ich von einem Typ auf einem brennenden Motorrad und einem Werwolf der bei uns im Dorf auf nem Acker umher fuhr.

    Schon lustig was man manchmal für nen Blödsinn träumt.

    Grüße ausDresden

    Philipp

  2. Klingt ja spannend, Philipp. Was das wohl zu bedeuten hatte? :-)
    Also ich erinnere mich auch nur an sehr intensive Träume, meist auch nur, wenn ich nach dem Aufwachen die Erinnerung verfestige, indem ich kurz drüber nachdenke…
    Ich hab allerdings im Schlaf schon oft Lösungen für Probleme (verschiedener Art) gefunden, die mich tagsüber beschäftigt haben. Morgens wachst du auf und hast die Lösung, eine Idee, Anregung oder auch nur eine verblassende Ahnung von dem, was man im Traum wusste oder erkannt hatte, aber jetzt nicht mehr greifen kann …
    Das Gehirn arbeitet ja im Schlaf bzw. Traum weiter, gewissermaßen in einer Art Leerlaufmodus lenkt es die Gedanken in neue Bahnen, schafft neue Assoziationen und überwindet dann zeitweise auch die gewohnten gedanklichen Schemata oder Denkblockaden, die man im Bewusstsein, d. h. im wachen Zustand errichtet…
    Na ja, ich schweife wohl wieder etwas ab. ;-)
    Schönes WE!

  3. Irgendwie scheint wieder Traumzeit zu sein, denn obwohl ich meist traumlos schlafe, erlebe ich zur Zeit die eine oder andere Geschichte mal wieder. Doch bei mir geht es gnadenloser zu, ich versuche Menschen zu ermorden, die einfach nicht sterben wollen. Faszinierend.

    1. Ja, kommt mir auch bekannt vor. ;-) Im Traum ist eigentlich nicht gut morden. Da errichtet vielleicht das Gehirn bei den meisten Leuten eine unbewusste moralische Sperre, die verhindert, dass das betreffende Opfer stirbt (denn dein inneres Ich will es nicht wirklich) oder? Ausgeführte Bewegungen oder Handlungen nehme ich im Traumbewusstsein meist verzögert wahr, d. h. je härter ich mich z.B. im Traum drauf konzentriere, jemandem in die Fresse zu schlagen, desto langsamer und zäher wird dann meine Bewegung. Ist zum Verzweifeln. ;-) Dafür gibts auch irgendeine wissenschaftliche Begründung, die ich aber nicht parat habe. Wenn man in einer Traumwelt vor jemandem davonläuft und die Bewegungen immer zähflüssiger werden, so als ob man in Gelatine oder Wasser gefangen ist, kennt jeder oder?
      Na ja, aber desto interessanter find ich die Träume, in denen eine Tat gelingt. Das ist dann schon ein sehr intensives Traumerlebnis.
      Ich war auch gerade ein paar Tage verreist und hab jede Nacht mehrmals irgendwelchen Mist geträumt; schlechter und unruhiger Schlaf (wegen eines zu kleinen und zu weichen Bettes) wirkt sich bei mir alptraumfördernd aus.

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