Trolliges

Es kam in den sonntäglichen Nachrichten. Ich war gerade mit dem Auto in der Stadt unterwegs, wie immer war ich guter Dinge (ich bin ja eine Frohnatur), d. h. meine Stimmung war soweit okay, es war schließlich Sonntagmittag, die Straßen waren frei – auf dem Rückweg vom Hauptbahnhof. Ein ruhiger Nachmittag lag vor mir und ich schaltete ausnahmsweise das Autoradio ein. Ich glaub, das war genau einen Tag nach dem Mord an Nemzow. Zu jener Zeit, also einen Tag nach dem Mord, da wussten der Röttgen und seine Presseleute natürlich schon, dass der Putin den Nemzow umgebracht hat oder halt, die drücken sich ja immer vorsichtiger oder gewählter aus. Nicht, dass man die mal auf irgendwas festnageln könnte. Jedenfalls, selbst wenn er nicht selbst abgedrückt habe, so trage doch der Putin die Verantwortung für diesen Mord oder diese „Exekution“ – so die Frau Beer von der FDP. Denn voilà: Der Putin habe schließlich den Boden für diese Tat (und alle mutmaßlich noch folgenden Missetaten) bereitet. So jedenfalls wurde es im Inforadio Berlin berichtet, einem öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender. Soweit, so gut. Die werden schon wissen, was sie tun.
Der Kunstgriff dieser Sprecherin bzw. der Nachrichtenredaktion bestand aber darin, faktisch im selben Atemzug alle anderen, zu diesem Zeitpunkt gleichermaßen möglichen Ansätze, Theorien oder Vermutungen zur Täter- oder Urheberschaft mal ganz locker vom Hocker zu wischen und pauschal abzuqualifizieren: Meinte die Sprecherin doch tatsächlich, Theorien über andere Täter (als Putin) würden nur von (wortwörtlich) „kremlgesteuerten Internettrollen“ verbreitet.  Mitten im Wort stockte die Nachrichtensprecherin kurz, sie schien etwas unsicher, überlegte vielleicht, ob ihr Skript korrekt war. „Kremlgesteuerte Internettrolle“ ging ihr offenbar nicht leicht von den Lippen.

Ich wüsste ja zu gern: Macht man sich eigentlich noch Gedanken über das, was man vorliest, wenn man Sprechpuppe im Rundfunk ist? Vielleicht hatte sich einfach dieses komplexe Wort im Gebrauch noch nicht eingeschliffen. Ist auch nicht einfach auszusprechen. Muss man üben. Aber kommt ja bestimmt öfter mal jetzt in den Meldungen vor…
Wie dem auch sei, zum allerersten Mal hörte ich an diesem vorletzten Sonntag in einem öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender von solchen „kremlgesteuerten Internettrollen“. Und das hier, in unserem deutschen Internet. Ja, ist denn das die Möglichkeit!
Trolle gibt’s ja auch noch nicht lange in der Quasselbude Internet. So als ultimative Schmähbezeichnung kennt man das auch eher aus dem Kontext der Foren, klar.
Aber der kremlgesteuerte Internettroll ist so wahrscheinlich (in diesem speziellen Falle auf jeden Fall) die ultimative Steigerung der Schmähung oder – wenn man so will – gar eine Adelung der Andersdenkenden oder Zweifelnden? Kandidat für das Wort des Jahres, sag ich euch!

Na ja, gut, was soll’s. Wen kümmert’s. Ich fand’s eben nur ungewohnt, ‘s kam mir komisch vor, dass ein halbwegs seriöser Nachrichtensender vermeldete: Dies hier ist die staatlich abgesegnete Version bzw. die von Röttgen, und alles andere ist eben Gegenpropaganda ähm von kremlgesteuerten Internettrollen gestreute Desinformation. Verschärfter Kampf um die Meinungshoheit, wie schon oft angedacht.
Mittlerweile scheint sich zwar herauszukristallisieren, dass der Mord eher einen islamistischen Hintergrund hatte und Putin wohl doch nicht… da der Putin ja eigentlich keinerlei Interesse an einem toten Nemzow haben konnte. Dazu war Nemzow als Oppositioneller auch eher zu unbedeutend in Russland. Seine Zeit waren die 90er unter Jelzin; daher keine Chance, diskreditiert und kein Rückhalt. Die sogenannten liberalen Intellektuellen sind da eher noch unpopulärer als z.B. hier in Deutschland die Spitzen der untergegangenen FDP. Verständlich. Die deutlich stärker verankerte Opposition zu Putin dort wären eher die Kommunisten unter Sjuganow. Aber egal, lassen wir uns besser nicht beirren…

One thought on “Trolliges”

  1. Ich bin gerne ein Troll, ich trolle mich durch die Weiten des Internets. Troll dich wurde mir dabei noch nie gesagt, aber ein Troll zu sein, schon. Die Medien müssen doch diese Begriffe nutzen, um hipp zu sein bei den jugendlichen Konsumenten. Sonst kommen sie nicht mehr an.

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