Über kleine Flaschen und große Scheine…

Man stelle sich vor, der nach den Betrugsvorwürfen gegen seinen Vorgänger ins Amt gestolperte maltesische EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz würde fordern, zur Bekämpfung des grassierenden Alkoholmissbrauchs und ungesunden Lebenswandels innerhalb der EU den Verkauf sämtlicher Spirituosen nur noch in kleinvolumigen Flaschen bis max. 150 ml zu gestatten, wobei die von der EU-Kommission empfohlene und mit einem EU-Gütesiegel versehene Schnapsflasche in Größe und Form einem kleinen Reagenzglas entsprechen solle.

Da Alkoholiker und notorische Promille-Sünder für ihre täglichen Schnaps- oder Likörrationen erwiesenermaßen zu großen 0,5- oder 0,7-Liter-Flaschen greifen, wäre eine Abschaffung dieser von Trinkern bevorzugten Flaschengrößen ein wertvoller Beitrag zur Bekämpfung des Alkoholismus, so könnte der oberste EU-Funktionär für Gesundheitsfragen seine gut gemeinte Forderung untermauern. Mit kleineren Flaschen werde schließlich auch die reine Alkoholmenge pro Verkaufseinheit herabgesetzt, wodurch automatisch die Zahl alkoholbedingter Folgeerkrankungen sinke und die dadurch verursachten volkswirtschaftlichen Verluste zurückgingen.

Die Abgabe von Hochprozentigem in kleinen Reagenzgläsern werde zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol anregen und die Konjunktur ankurbeln, da geschrumpfte Flaschengrößen versteckte Preiserhöhungen ermöglichen und insgesamt zu häufigeren, aber bewussteren Käufen anregen würden.

Auch wenn ein derartiges Schildbürgerszenario in Zeiten eines Glühlampenverbots und absurder Bevormundungen durch eine selbstherrlich agierende Brüsseler Eurokratenkaste nicht mehr so unsinnig erscheint, wie man beim ersten Durchlesen noch denken mag, wäre es doch ein nutzloses Unterfangen und Ausdruck lächerlicher Symbolik, dem Alkoholismus durch eine Regulierung von Flaschengrößen wirksam zu begegnen.

Genauso unsinnig ist die krude Argumentationslinie einiger Bankenlobbyisten und des EZB-Vizedirektors, die sich für eine Abschaffung der 500-Euro-Banknoten aussprechen.
Glaubt man tatsächlich, man könne illegale Geschäfte verhindern, indem man 500-Euro-Geldscheine aus dem Verkehr zieht und schreddert?
Gilt die Schrumpfung der Banknotenpalette im Dienste der Verbrechensbekämpfung und zum Wohle der Konjunkturförderung nun als neue Wunderwaffe aus dem Instrumentarium der weisen Währungshüter?

Bereits Anfang April wurde in einigen Zeitungen von einem Analysten der Bank of America berichtet, der der EZB empfohlen habe, sämtliche 500-Euro-Banknoten aus dem Verkehr zu ziehen und dadurch die organisierte Kriminalität zu bekämpfen sowie die Wirtschaft zu stimulieren.

Was zunächst wie ein verspäteter Aprilscherz anmutete, schien jedoch tatsächlich ernst gemeint zu sein und hat, wie man hört, nunmehr auch prominente Unterstützung durch den portugiesischen EZB-Vizedirektor Vitor Constâncio erfahren. Da EZB-Präsident Mario Draghi im vergangenen Jahr noch ausdrücklich betont hatte, auf jeden Fall an den 500-Euro-Scheinen festhalten zu wollen, überrascht die Aussage seines Vizedirektors Vitor Constâncio, demzufolge diese Banknoten entbehrlich seien, da sie im täglichen Zahlungsverkehr ohnehin nicht gebraucht würden.

Wahrlich eine seltsame Argumentation, die der portugiesische EZB-Vize (Don) Vitor da aus dem Hut zog. Hat der Währungshüter etwa aufgrund seines sorgenfreien Lebens im Elfenbeinturm der EU-Bürokratie und einer mit gewohnter Regelmäßigkeit stets bargeldlos fließenden üppigen Apanage vergessen, dass Währungseinheiten den meisten normalen Menschen nicht nur als Tausch- sondern auch als Wertaufbewahrungsmittel dienen, auf dessen langfristigen Bestand sie vertrauen?

Selbstverständlich tauchen Banknoten mit hohen Nominalwerten im tagtäglichen Umlauf selten auf ­– zu dieser bahnbrechenden Erkenntnis verhelfen Alltagserfahrung und gesunder Menschenverstand.

Für die banale Aussage, dass im Alltag kleinere Scheine bevorzugt werden und große Nominale wegen ihrer Seltenheit, aus Unkenntnis, Angst vor Fälschungen oder schlicht wegen fehlendem Wechselgeld nur ungern angenommen werden, muss man kein überbezahlter Währungsexperte sein. So werden auch an vielen Tankstellen und kleinen Geschäften ebenfalls keine 200- und 100-Euro-Scheine akzeptiert. Dennoch käme wohl bisher niemand auf die Idee, auch diese abzuschaffen?

Ja, auch wenn die meisten einfachen Bürger mangels Vermögensmasse meist mit kleineren Werten hantieren, haben große Scheine dennoch als anonymes und sicheres, weil bankenfernes Wertaufbewahrungsmittel ihre Berechtigung.

Selbst ich, der ich als Kleinverdiener und ehrlicher Steuerzahler mein Leben friste, gelangte einmal durch einen privaten Autoverkauf in Besitz dieser violetten Scheine und fand sie recht praktisch, da gut aufzubewahren und mit hoher „Wertdichte“ ausgestattet, soweit man dies bei Baumwolllappen überhaupt sagen kann.

Ich kann mich jedenfalls noch gut daran erinnern, dass ich die wertvoll anmutenden lilafarbenen Scheine sogar eine Weile behielt und erst beim Kauf eines neuen Autos bar verausgabte oder auch auf ein Konto einzahlte. Alles völlig legitim und nicht anrüchig.

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Besagter Analyst der Bank of America stützt seine Empfehlung auf die Behauptung, die violetten Scheine mit dem höchsten Euro-Nennwert würden ohnehin fast nur von Kriminellen, Schwarzgeldbesitzern, Geschäftsleuten mit unlauteren Absichten oder Steuerhinterziehern gehortet und gebraucht, da nur Bösewichter und Spitzbuben bestrebt seien, elektronische Transaktionen zu vermeiden.

Angeblich sollen sich gar 90 % aller 500-Euro-Noten in den Händen von Kriminellen befinden, schätzte einst eine britische Behörde, die sich der Bekämpfung der organisierten Kriminalität verschrieben hat.

Selbst wenn diese nicht nachprüfbaren Zahlen stimmen sollten, so sind organisierte Kriminalität und illegale Machenschaften wohl kaum erst durch die 500-Euro-Scheine entstanden. Geldscheine sind nicht die Ursache von Kriminalität, sondern dienen nur als neutrales Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel – eines von vielen übrigens.

Man kann nicht ernsthaft glauben, die organisierte Kriminalität wäre ohne 500-Euro-Scheine ihrer Geschäftsgrundlage oder Tauschmittel beraubt oder?

Würde der Weltfrieden anbrechen, wenn man Maschinenpistolen von Heckler & Koch verbieten würde?

Zudem würde die Abschaffung der 500-Euro-Scheine die organisierte Kriminalität sicherlich am wenigsten treffen. Wer hohe Geldvermögen aus unlauteren Quellen besitzt, wird sicherlich nicht nur auf Eurobargeld setzen, sondern auch über Mittel und Wege verfügen, um sein Vermögen rechtzeitig in andere Nominalwerte, Währungen oder Anlageklassen zu stecken und zu diversifizieren. Oder sollte es Kriminelle ggf. tatsächlich vor unüberwindbare Hürden stellen, statt einem Bargeldkoffer voller 500er vielleicht drei oder vier pralle Koffer mit kleiner gestückelten Banknoten zu lagern? Eine Nacht-und-Nebel-Umtauschaktion oder etwa ein Verkauf der ungeliebten Banknoten mit Abschlag sollte für gut geknüpfte Netzwerke mit Mittelsmännern auch problemlos zu organisieren sein.

Ich schätze, dass eine solche Aktion redlichen Privatiers und Sparern, die sich gutgläubig auf den langfristigen Bestand des Euro verlassen haben, viel mehr Ungemach bereiten würde als der Unterwelt.

Zweitens wird behauptet, es handele sich um unproduktives, gehortetes Geld, auch als „Matratzengeld“ bezeichnet, das zu unser aller Wohl in den Wirtschaftskreislauf fließen solle, in erster Linie zu klammen Banken.

Damit kommt man dem eigentlichen Sinn und Zweck der Kampagne vielleicht schon näher. Zweifellos möchten interessierte Kreise verhindern, dass im Zuge einer sich verschärfenden Banken- und Eurokrise zu hohe Bargeldbeträge privat gebunkert werden, die für diverse Rettungsmaßnahmen nicht verfügbar wären, d. h. nicht automatisch von den Konten abgeschöpft werden könnten, falls Schuldenschnitt, Lastenausgleichsabgaben oder sonstige Enteignungsmaßnahmen anstehen bzw. aus Sicht staatlicher Behörden notwendig sein sollte.

Durch Verunsicherung der Bargeldbesitzer und die Erodierung des Vertrauens in die langfristige Gültigkeit und Legitimität teurer Banknoten könnte man Bargeldhorter wieder dazu bewegen, ihr Geld den Banken zu überlassen.

In einigen Pressekommentaren wird unterschwellig unterstellt, Geldscheine mit solch hohem Nennwert seien per se verdächtig, da ein einfacher Bürger einen solchen Schein schließlich nie zu Sicht bekäme.

Mit wohligem Gruseln konnte man dazu in fast jedem einschlägigen Artikel lesen, in Spanien würden diese unmoralisch hoch denominierten Scheine als „Bin Ladens“ bezeichnet, da man sie – genau wie den mittlerweile von Elitekämpfern des Friedensnobelpreisträgers Obama zur Strecke gebrachten Top-Terroristen – nie zu sehen bekäme.

Anderseits sprechen Schätzungen davon, dass einst die Hälfte und mittlerweile noch ein Drittel sämtlicher im Euroraum ausgegebener 500-Euro-Scheine in Spanien zirkulierten. Sollte diese hohe Konzentration von 500-Euro-Noten in Spanien zutreffen, kann man davon ausgehen, dass die lila Scheine deutlich häufiger als ein Bösewicht der Bin-Laden-Klasse gesichtet werden, es sei denn, die überwiegende Mehrzahl der Scheine befände sich im Besitz nur weniger Personen, die unermessliche Bargeldvermögen horteten.

Der brave Bürger habe nichts zu befürchten, denn er könne ja jederzeit hohe Beträge mit Karte oder per Überweisung zahlen, beeilt man sich zu versichern.
Fast schon originell mutet auch die These an, man könne die Eurokrise überwinden, indem man die Besitzer der 500-Euro-Scheine durch implizite Androhung ihrer Außerkraftsetzung zwingen, ihr Geld auszugeben und quasi als konjunkturstimulierendes Mittel zur Wachstumsbelebung einzusetzen.

Dabei soll die Abschaffung dieser Banknoten am besten in einem für die Bevölkerung völlig unerwarteten Moment beschlossen werden, woraufhin nur eine kurze, etwa einmonatige Umtauschfrist gewährt werden dürfe. Besitzer müssten beim Umtausch die legale Herkunft der Scheine nachweisen, da diese ansonsten verfallen würden.

Ich persönlich möchte nun nicht unbedingt das Chaos und die Tumulte erleben, die eine solche Aktion europaweit anrichten würde. Das Vertrauen der europäischen Euro-Sparer würde unter Umständen irreparabel beschädigt werden. Mit Sicherheit würden aber die Vermögenspreise etwa durch überhastete Immobilienkäufe sowie die Edelmetallnotierungen weiter in die Höhe schießen, aber echte Wachstumsimpulse, die letztlich nur durch sinnvolle wirtschaftliche Investitionen entstehen können, würden ausbleiben. Bleibende Effekte wären Angst und Verunsicherung unter den Sparern und die schmerzliche Erkenntnis, dass ihrem Barvermögen – mühsam vor einem außer Kontrolle geratenen Bankensystem in Sicherheit gebracht – der Status als Zahlungsmittel jederzeit par ordre du mufti aberkannt werden kann.

Es bestünde daher die Gefahr, dass der einfache Sparer, auch wenn er selbst von einem solchen drohenden Zwangsumtausch vielleicht nicht betroffen wäre, derart verunsichert wird, dass er schon eine öffentliche Diskussion der Entwertung gehorteter Banknoten als Weckruf und letzte Aufforderung zur Flucht aus dem Euro versteht.

Kleine Flasche, kleine Scheine...

So ist’s recht: kleine Flasche, kleine Scheine…

 

Wer meint, die Kriminalitätsrate senken oder das Wirtschaftswachstum befeuern zu können, indem er Geldscheine mit hohen Nominalwerten aus dem Verkehr ziehen lässt, glaubt wahrscheinlich auch daran, Trinker ließen sich durch verringerte Flaschengrößen zu Abstinenzlern bekehren, die Umwelt werde durch Biosprit und Abwrackprämien geschützt, die Demokratie werde nur durch einen zwangsfinanzierten Staatsrundfunk gesichert, man könne Kranke gesundbeten oder mit Gewissensappellen an Diktatoren den Frieden sichern.

Kurzum, einen solchen Menschen würde man wohl mit Fug und Recht als recht einfältig bezeichnen.

Sinn ergibt diese „Scheindiskussion“ hingegen, wenn man sie als Vorboten eines allgemeinen Bargeldverbots begreift, in dessen Folge sich der Bürger bei sämtlichen finanziellen Transaktionen und Angelegenheiten der Kontrolle allmächtiger Banken und staatlicher Schnüffelbehörden ausliefern würde.

Die Abschaffung des Bargelds böte zudem Banken, Zahlungsdienstleistern und dem Handel neuen Raum für Kosteneinsparungen und Gewinnmaximierungen.

Möglicherweise ist die avisierte Abschaffung der 500-Euro-Scheine ein Versuch, bei dem getestet werden soll, wie Einschränkungen des Bargeldverkehrs vorbereitet und umgesetzt werden könnten, ohne dass allzu großer Widerstand seitens der Bevölkerung provoziert und hervorgerufen wird.

Da die Kriminalisierung von Besitzern hoher Bargeldbestände auch für den Staat ein probates Mittel darstellt, um mittels Diskreditierung von Besitz und Gebrauch des Bargeldes schärfere Finanzkontrollen im Privatbereich einzuführen und individuelle Freiheiten einzuschränken, kann man hier durchaus von einer Interessenkonvergenz des Staates und des Bankensektors ausgehen.

Dass der Anstoß zu dieser „Scheindiskussion“ von einem Repräsentanten der Bank of America ausging, muss ebenso wenig überraschen, wenn man bedenkt, dass der Euro von US-amerikanischer Seite seit jeher als Bedrohung der Vormachtstellung des Dollar empfunden wurde. Möglicherweise spekuliert man darauf, der durch die Eurokrise angeschlagenen Einheitswährung einen weiteren Tiefschlag zu verpassen, indem man das Vertrauen in den Euro als Wertaufbewahrungsmittel im EU-Raum untergräbt. Der Status des Euro als Spar- und Weltreservewährung wäre wohl endgültig Geschichte, gäbe man den Bürgern das Gefühl, ihre sorgsam auf Jahre im Sparstrumpf eingerollten Banknoten könnten nach dem Willen der EZB-Beamten jederzeit in einer handstreichartigen Aktion für ungültig erklärt werden.

Ich bin wahrlich kein Fan des Euro, dennoch bleibt Bargeld für den Normalbürger in diesen Zeiten oft das einzige Mittel seiner Wahl, um ehrlich erarbeitetes, versteuertes und nicht verkonsumiertes Geldvermögen vor künftigen Enteignungsversuchen – euphemistisch als Gläubigerbeteiligung bezeichnet – durch staatliche Kleptokratien und einen außer Kontrolle geratenen Bankenkomplex zu schützen, der mit allen Mitteln am Leben erhalten werden soll.

Der von EZB-Funktionären als „Blaupause“ bezeichnete Testfall Zypern hat auf allzu schmerzliche Weise verdeutlicht, dass Spar- und Sichteinlagen, als vermeintlich sicher geglaubtes Buchgeld auf Konten geparkt, lediglich einen unbesicherten Kredit an die Bank darstellen. Angesichts der Schieflagen zahlreicher Banken und fehlender Kapazitäten der Einlagensicherungssysteme bleibt dem Anleger weiterhin nur Bargeld in gängigen Stückelungen als sichere und jederzeit verfügbare Alternative, wenn er denn auf Nummer sicher gehen möchte und nicht auf Edelmetalle oder andere Sachwerte gesetzt hat.

Aber wahrscheinlich kommt es auch nicht so schlimm.

Erstens ist es ja bisher immer gut gegangen. Zweitens garantiert Frau Merkel persönlich für die Spareinlagen, und drittens hat überhaupt niemand die Absicht, Kleinsparer und Kontoinhaber in Deutschland zugunsten von Banken zu enteignen.

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