Unverhofft kommt oft

Mal eine blöde Frage. Wen erwartet Ihr, wenn es klingelt? Also wenn unverhofft jemand an der Wohnungstür klingelt. Du fläzt dich an irgendeinem freien Tag auf der Couch oder lümmelst am Schreibtisch herum oder parkst den Arsch auf der Klobrille. Egal. Es klingelt. Palim-palim, kling-ling oder ding-dong, vielleicht gefolgt von einem Pochen an der Tür.
Wen würde man da im Normalfall erwarten?

Post, DHL? Zwielichtige Gestalten, die immer am liebsten gleich einen Fuß in die Tür stellen wollen? Vertreter, Spendensammler, Aboverkäufer? Zeugen Jehovas, Bibelverkäufer? Polizei, Staatsschutz? Gerichtsvollzieher? Stalker, Nachbarn, Schnorrer? Den unglaublichen Hulk? Denkt mal drüber nach. Die Antwort sagt nicht nur was über die moderne urbane Gesellschaft aus, sondern auch viel über euch selbst, über Erfahrungen, Einstellungen. Sag mir, wen du erwartest, und ich sag dir, wer du bist. So ungefähr, nicht ganz präzise …

Ich wette aber, eines würde man, jedenfalls da, wo ich wohne, bestimmt nicht erwarten: netten Besuch. Unangekündigt wohlgemerkt. Ziemlich unwahrscheinlich. Oder? Daher meine Empfehlung: Erwarte immer das Unerwartete. Dann kann man zumindest nicht überrascht werden. Oder wie die Engländer sagen, always expect the unexpected.

Später am Tag noch ergänzt:
Okay, das war keine blöde Frage, sondern eine, die eher rhetorischer Natur war. Der Fragende erwartet jedenfalls nicht unbedingt eine Antwort. Aber trotzdem noch mal drüber im Stillen nachgedacht, vielleicht jeder für sich: Wen erwartest du? Wer steht vor der Tür?

Warum reite ich auf diesem Thema herum? Aus keinem besonderen Grund, da steckt auch keine böswillige Absicht oder tiefere Weisheit drin. Regt euch ab. Bin auch gleich fertig.

Ich sah jedenfalls irgendwann letzte Woche noch spät in der Nacht, früh könnte man auch sagen, eine kurze Filmsequenz, die mir nicht aus Sinn gehen wollte.
Es laufen ja auf vielen Sendern alte Serien aus den 60er oder 70er Jahren des letzten Jahrtausends in der x-ten Wiederholungsschleife. So und da gibt es auch so eine Serie, wo eine alte Schachtel, pardon, eine ältere Dame weitgehend harmlose Mordfälle im Miss-Marple-Stil löst. Harmlos heißt natürlich nicht, dass Mord zu tolerieren wäre oder so. Mitnichten. Aber man sieht da keine blutigen Kettensägenmassaker oder Axtmorde, sondern meist solide Giftmorde und ähnliche Konfliktlösungen. Old School eben. Mord ist mein Hobby – oder so ähnlich heißt das. Ich glaub, das ist auch die Schauspielerin, die in einigen Agatha-Christie-Verfilmungen die Miss Marple spielt. Da sah ich jedenfalls beiläufig vor dem Abschalten eine Szene, die nur einige Sekunden dauerte: Da sitzt doch diese sehr gewitzte und intelligente ältere Dame, nennen wir sie mal Jessica…  Jetzt fällt’s auch mir ein, sie heißt da in der Serie Jessica Fletcher und schreibt Kriminalromane. Na, die sitzt da jedenfalls im Pyjama am Frühstückstisch mit ihrem Hausfreund, wahrscheinlich schwul, was ja in den alten britischen Serien immer nur am Rande dezent angedeutet oder verschämt verschwiegen wird, eher beim Brunch, denn es ist schon später Vormittag. Plötzlich klingelt’s eben an der Tür. Die Dame nur mäßig überrascht sagt irgendwas in der Art von: Oh, da bekomme ich schon so früh netten Besuch. Oder: Wer wird mich denn so früh am Morgen besuchen?

Mein lieber Scholli, dachte ich da. Netten Besuch erwartet sie! Man stelle sich das mal vor. Die Welt vor dem Abgrund, und die gute alte englische Dame lässt sich ihren Earl Gay-Tee nicht vermiesen. Das gibt’s wohl nur noch im ländlichen England nach der Vorstellung von Inspektor Barnaby, Rosamunde Pilcher oder wie die alle heißen.

Es schien mir eben, auf meinen Kontext angewandt, so ungewöhnlich, skurril, kurios zu sein. Ein dennoch wohliges Gefühl, durch die Gewöhnlichkeit dieser Situation gespeist, tauchte auf. Absurd. Da wird einem bewusst, wie sehr sich alles gewandelt hat. Versteht Ihr? Wahrscheinlich nicht. Ich meine, nach all den Jahren, in denen ich hier Berlin lebe, würde man alles andere erwarten, nur keinen netten Besuch. Hab ich ja alles schon aufgezählt, beginnend beim DHL-Mann, aber auch andere Sachen. Hat ja jeder andere Erfahrungen gesammelt. Da war auch mal ein Typ, der mir die Tür eintreten wollte. Oder ein Toter, der vor der Tür lag, also mein Nachbar, der direkt vor meiner Tür gestorben ist. Wobei der ja nicht geklingelt hat. Wollte er vielleicht noch, aber hat er eben nicht geschafft. Es polterte eben nur laut, was ich im Halbschlaf hörte. Aber auf Geräuschbelästigungen reagiert man ja eh nicht mehr. Lärm kann einen ja auch krank machen. Vor meiner Tür den Tod gefunden, besser gesagt, der Tod hat ihn ereilt. Gefunden ist irgendwie unpassend, denn er hat ihn ja nicht gesucht. Jedenfalls besser mal durch den Türspion gucken, wenn es klingelt. Kann auch nie schaden, mal nicht zu Hause zu sein. So, so. Okay, okay. Das war’s dann auch schon. Dieses Posting ist endgültig beendet. Alles ist gesagt, nichts wurde beschönigt oder verschwiegen. War eigentlich auch nicht wichtig oder?

2 thoughts on “Unverhofft kommt oft”

  1. Wenn der Postmann dreimal klingelt – ich kenne das nur unter dem Thema: Wenn er es mal täte. Meistens nur, um Pakete für Nachbarn abzuladen. Meine dagegen kommen nie an.

    Besuch? Soll mir fernbleiben …

    1. Ja, ich warte momentan auch noch auf ein Paket, da hätte der Paketmann hier schon gestern aufschlagen müssen, hmm, tut er aber nicht. Beim Versandstatus tut sich nichts mehr. Dort steht jetzt “2. Zustellversuch”, obwohl niemand geklingelt hat und ich den ganzen Tag über vergeblich auf der Lauer lag. Na ja, ist der übliche Stress vor dem “Winterfest”.
      Betr. Besuche: An einige Feiertagsbesuche erinner ich mich auch gern, die dann in Streit, peinlichen Beschimpfungen oder Tätlichkeiten endeten. Wie ich die vermisse. ;-)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>