Warum viele Gespräche fruchtlos sind

Nach der von Leon Festinger (1919-1989), einem US-amerikanischen Sozialpsychologen, entwickelten und experimentell belegten Theorie der kognitiven Dissonanz werden Informationen, die im Zusammenhang mit einer bereits getroffenen Entscheidung eines Individuums von Bedeutung gewesen wären, von diesem Individuum möglichst im Sinne der getroffenen Entscheidung wahrgenommen bzw. gedeutet. Informationen, die die Richtigkeit einer getroffenen Entscheidung  in Frage stellen würden, werden dagegen tendenziell abgewehrt oder negiert.

So passiert es etwa Privatanlegern oft, dass sie nach der Entscheidung für den Kauf einer bestimmte Aktie nachträglich bekannt gewordene Informationen über erfolgreiche Geschäftsaussichten gern als Bestätigung der getroffenen Entscheidung angesehen, negative Unternehmensmeldungen oder Gewinnwarnungen hingegen entweder gar nicht registrieren oder als eher als belanglos einstufen. Im Nachhinein überbetont man in der Erinnerung häufig seine positiven Anlageergebnisse, man verweist gern auf realisierte Gewinne im Depot und verdrängt den Gedanken an die vielleicht sogar höheren Verluste, die man verbuchen musste.
Ein reiner Selbstschutzmechnismus – die Psyche schirmt sich ab und scheut die innere Auseinandersetzung mit seinem früheren Alter Ego.

Viele Menschen, die sich politisch irgendwo im Dickicht des linken bzw. linksgrünen Spektrums verorten, neigen dazu, Informationen und Erkenntnisse abzulehnen, von denen sie ahnen bzw. befürchten, dass diese ihrem Weltbild bzw. Bauchgefühl (d. h. ihrer hauptsächlich emotional geprägten Grundeinstellung) zuwiderlaufen. Bei entsprechenden Hinweisen auf Literatur, Statistiken oder Vorträge hört man daher oft: “Aha, interessant, hab ich aber noch nicht gelesen.” … “Da kann ich jetzt nichts zu sagen, müsste ich erst nachprüfen …” … “Werde mich mal informieren u. bei Gelegenheit lesen und darauf zurückkommen” … “Da können wir ein andermal drüber diskutieren” … “Ach, mag sein, aber ich bin nunmal links bzw. sehr sozial eingestellt (das Gegenüber natürlich nicht, so wird impliziert) …” … “Na ja, ich glaube trotzdem, dass wir das schaffen …” – Ende jeder Diskussion. Selbst Widersprüche, die in der erlebten Wirklichkeit klar zutage liegen (z.B. globalistische vs. national verwurzelte Gruppen/Klasse(n); Diversität führt zu neuen Konflikten), werden – als Rechtfertigung der eigenen Entscheidung für die „einzig richtige Gesinnung“ und zum Schutz der eigenen Psyche – von vornherein ausgeblendet.

Die Schwelle, bis zu der eine getroffene Entscheidung gegen zuwiderlaufende Informationen oder auch gegen selbst erlebte Erfahrungen verteidigt wird, variiert allerdings je nach Person erheblich. Dieses unbewusste Rechtfertigungs- und Verhaltensmuster rührt eben daher, dass die sich widersprechenden Erwartungen, Erfahrungen und Informationen sogenannte Konflikte nach vollzogener Entscheidung (Nachentscheidungskonflikte) verursachen, die es zur Erhaltung oder schnellstmöglichen Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts im Sinne der getroffenen Entscheidung aufzulösen gilt. Dies geschieht am ehesten durch eine Auslese zu Gunsten solcher Informationen, die die getroffene Entscheidung rechtfertigen und/oder zuwiderlaufende Informationen relativieren.
Ist also alles erklärbar, auch wenn man (wie ich stets betone) natürlich nichts erklären sollte, nie …

3 thoughts on “Warum viele Gespräche fruchtlos sind”

    1. Oh, stimmt, ganz vergessen. Danke für Ihren Hinweis! Daniel Kahnemann – “Schnelles Denken, langsames Denken” (im Original: Thinking, Fast and Slow) ist in dem Zusammenhang eine passende Empfehlung. Kahnemann verweist ja auf sog. kognitive Verzerrungen (Wahrnehmungsverzerrungen), auch ein Begriff, der die oben erwähnten kognitiven Dissonanzen einschließt.
      Kahnemann beschreibt u.a. die Funktionsweise der Intuition (Unterbewusstsein) und des gezielten, bewussten Nachdenkens (Rationalität) – er stellt die als System 1 und 2 gegenüber – das ist schon schlüssig, aber mir gefiel die Einteilung in “System 1 und 2″ nicht, das ist mir dann doch wieder zu mechanistisch, künstlich modellierend … da sich die in realen Situationen ohnehin überlagern und oft gleichzeitig wirken.
      Die Schlussfolgerung lautet: Denken hilft … manchmal, aber nicht immer.
      Denn letztlich ist’s ja für den individuellen Menschen nur entscheidend, ob eine Entscheidung sich für ihn als nützlich oder schädlich erweist (und nicht, ob sie auf Intuition, Wahrnehmungsverzerrungen, vernunftgesteuerten Erwägungen oder dem Studium von Statistiken beruht) – nützlich, vorteilhaft oder gar überlebenswichtig kann eben auch die (schnell) intuitiv getroffene Entscheidung sein, während langes Zaudern und Zögern und im Ergebnis “intensiven Nachdenkens” bewusst getroffene Entscheidungen sich zuweilen als tödlich oder “nicht hilfreich” erweisen können … ist ja auch klar.
      Trotzdem: Alles ist/wird gut.

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