Was vom Lanz bleibt

Gedanken zur Anti-Lanz-Petition

Was hat die digitale Anti-Lanz-Bewegung eigentlich bewirkt? Welches vorläufige Fazit kann man aus der kollektiven Unmutsäußerung „Lanz – Raus aus meinem Rundfunkbeitrag“ im Netz ziehen? Ist vielleicht sogar ein „Lanz-Effekt“ zu erwarten, der eine positive Entwicklung bei Programmgestaltung, Moderatorenauswahl oder ein Umdenken bei der umstrittenen Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks anstößt?

Der Protest gegen besagten Moderator scheint sich nach meiner Beobachtung für die meisten Aktivisten erledigt zu haben – Gegner und Befürworter haben sich ausreichend abgearbeitet, das Thema ist zur Genüge verwurstet und durchgehechelt worden.
Die Anti-Lanz-Petition auf openpetition.de ist von der Initiatorin vorzeitig beendet worden, nachdem ca. 233.000 Unterstützer im Netz mit ihrer Unterschrift die Abberufung des umstrittenen Moderators nach seinem jüngsten peinlichen Auftritt gefordert hatten. Der große Zuspruch dieser Kampagne war der Initiatorin, die interessanterweise beim MDR in der Verwaltung tätig sein soll, wohl ab einem bestimmten Zeitpunkt selbst unheimlich.

Ich habe übrigens nicht unterzeichnet, respektiere aber die Entscheidung all derer, die die Anti-Lanz-Petition unterstützt haben und somit ihren Unmut über das zu recht kritisierte Verhalten des besagten Moderators zum Ausdruck gebracht haben.

Lanz ist auch meiner Meinung nach eine Fehlbesetzung, dennoch war mir diese Petition zu stark personalisiert. Die einseitige Fokussierung der Kritik auf die Person Lanz lenkte nur von grundsätzlichen Fragen ab, z. B. wer ein Interesse daran hat, in zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Veranstaltungen nicht genehme Politiker und Persönlichkeiten vorzuführen und warum die Allgemeinheit für jeglichen unnützen Mummenschanz unter dem Etikett der Grundversorgung noch (und künftig immer mehr) zahlen soll.

Schaden kann eine solche Petition dennoch nicht, dachte ich mir jedenfalls. Immerhin werden Menschen, Bürger und Beitragszahler dazu angeregt, sich mit Fragen eines parteiengesteuerten und zwangsfinanzierten Rundfunks zu befassen und sich gegebenenfalls indirekt gegen den Rundfunkbeitrag auszusprechen. So weit, so gut.

Wenn nun die Anti-Lanz-Proteste im Internet einen Teil der bundesdeutschen Zwangsbeitragszahler wachgerüttelt und zum Nachdenken über die Aufgaben und Verantwortlichkeiten der von ihnen finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunksender angeregt haben, war die Aktion, so meine ich, durchaus von Erfolg gekrönt, auch wenn dem mit der Petition verbundenen Gesuch sicherlich kaum stattgegeben werden dürfte. Zum jetzigen Zeitpunkt ist jedenfalls nicht von einer Entlassung des umstrittenen Moderators auszugehen, würde ich gefühlsmäßig sagen, da eine solche Entscheidung stark nach Rückzug oder Kapitulation riechen würde.

Schließlich möchte sich kein Sender- oder Programmchef eine Blöße geben und dem digitalen Mob, wie man ihn gern nennt, nachgeben. Nein, keinen Fußbreit. Herr Lanz hat unser vollstes Vertrauen, wird man lesen können.

Die Unterschriftenlisten werden irgendwann in einem diskreten Prozedere an niedere Senderchargen übergeben werden, woraufhin selbige Verantwortliche, die wiederum nicht als Spielverderber dastehen möchten, Besserung geloben und den Herrn Lanz nach Ablauf einer angemessenen Schamfrist einer geeigneten Anschlussverwendung, möglicherweise in der Volksmusik- oder Sendung-mit-der-Maus-Abteilung, zuführen werden, um den äußeren Schein zu wahren.
Seht her, werden sie sagen, vielleicht in einem mit etwas Selbstkritik gewürzten internen Statement oder zähneknirschend: „Wir haben verstanden.“ Man wird dem Volk schon irgendein Bauernopfer darbringen.

Was können Online-Petitionen bewirken?

Die Hoffnung, dass sich Online-Petitionen als demokratisches Instrument zur Meinungs- und Willensbekundung erweisen, erklärt vielleicht auch einige der negativen Äußerungen aus den Reihen der Journalistengilde gegenüber den Petenten im Kasus Lanz: Im Kampf um die künftige Meinungshoheit droht ihnen ein herber Rückschlag und Bedeutungsverlust, wenn eine im Gegensatz zum medialen Mainstream populärer werdende, zerklüftete Meinungslandschaft im Web eine Gleichschaltung der Leser und Zuschauer in ihrem Sinne weitgehend verhindert oder erschwert.

These 1: Die Häufigkeit und Bedeutung elektronischer Petitionen wird künftig zunehmen. Die Teilnehmerzahlen werden steigen. Der Stellenwert von Petitionsplattformen wie openpetition.de wird zunehmen. Freie Meinungsbildung verlagert sich ins Web. Rundfunk und Presse werden höchtens noch als Marketinginstrumente und willige Werkzeuge des Systems wahrgenommen.

Auch wenn Webplattformen, Internetforen und Kommentarspalten von Websites bislang nur eine „emulierte“ abschaltbare Öffentlichkeit bilden, gewinnt diese doch zunehmend an Bedeutung und lässt sich in Zeiten von Facebook, Twitter und Co. nicht mehr ignorieren, da immer mehr Menschen erkennen, dass Gleichgesinnte über Online- oder Web-Petitionen leichter zueinander finden und einen Konsens in einzelnen Fragen erzielen können. In einer Zeit, in der politische Parteien verachtet und nicht mehr als Interessenvertreter des Volkes wahrgenommen werden, ist die geballte kollektive Meinungsäußerung im Netz ein taugliches und wirksames Mittel, um den Machtlosen Gehör zu verschaffen. Leserbriefe, Einwohnerversammlungen oder Fragen an die Herren Abgeordneten oder Lokalpolitiker können ignoriert oder kleingeredet werden, hingegen muss auf eine digitale Petition mit lawinenartig zunehmenden Unterstützerzahlen in irgendeiner Weise reagiert werden.
Da sich die Bürger machtlos wähnen, bildet sich eine Art basisdemokratische Gegenöffentlichkeit im Web, die auch in den „alten“ Medien stärker wahrgenommen wird und schließlich Politiker wie Getriebene erscheinen lässt.

These 2: Die Transparenz, der jederzeit einsehbare Fortschritt und Stand digitaler Petitionen bieten den Unterzeichnern Bestätigung, ermutigen und bestärken sie, vermitteln ihnen gleichsam das Bewusstsein, Teil eines großen Kollektivs zu sein, das dieselbe Meinung vertritt, das ihre Ansichten teilt. Die Masse lernt so, sich bei bestimmten Themen eine gemeinsame Position zu erarbeiten, die Zersplitterung in Individuen und Gruppen zu überwinden. Sie erkennen, wie viele sie tatsächlich sind, sie organisieren sich spontan und außerparteilich. Bei Erreichung einer kritischen Masse digitaler Petitionen kann sich der Protest auch auf der Straße entladen, wird somit in die „reale Welt“ übertragen. Wenn dereinst statt 250.000 digitalen Unterzeichnern vielleicht 100.000 oder wenigstens 50.000 Demonstranten vor den Sendestudios des ZDF oder vor dem Kanzleramt auftauchen und es gar wagen, den Rasen zu betreten oder zu drohen, die ausgemachten Verantwortlichen aus ihren Sesseln und Büros zu treiben, für skandalöse Missstände persönlich zur Rechenschaft zu ziehen, wer weiß, wohin das führt?

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