Wetten, dass

„Haste gestern „Wetten, dass“ gesehen? War geil, wa?“
Es war ein dunkler kalter Novembermorgen, irgendwann Anfang der 80er Jahre in einer Kleinstadt im ostdeutschen Nirgendwo.
In meiner Erinnerung waren es immer dunkle, kalte Novembertage, an denen ich montags, kurz vor halb acht schlaftrunken und abgehetzt auf dem Schulhof eintraf. Das frühe Aufstehen besonders nach dem Wochenende lag mir ganz und gar nicht. An den anderen Tagen war es meistens auch nicht anders.
Wenn ich nicht zu spät kam, traf ich meine Freunde und Klassenkameraden morgens auf dem Schulhof, wo wir uns am Schultor zu einem morgendlichen Schwätzchen einfanden, bevor uns ein paar Minuten später das unerbittliche Klingelzeichen zum Unterricht in das rote Backsteingebäude rief. Bis zum letzten Klingeln harrten wir meist draußen in der kühlen Morgenluft aus und sprachen kurz über das Fernsehprogramm vom Vorabend, bevor wir dann widerstrebend in unsere stickigen Klassenräume trotteten.
„Nee.“ Ich schüttelte den Kopf. Hatte ich natürlich nicht gesehen.
„Mondbasis Alpha“, „Raumschiff Enterprise“ oder „Dallas“ hätte ich schon gern gesehen, aber „Wetten, dass“ hatte mich nicht die Bohne interessiert. Buntstifte erraten, irgendwelche Gläser auf der Nase balancieren oder Wärmflaschen aufblasen waren für mich kindische Zirkustricks.
Da war mir selbst der Polizeiruf 110 im DDR-Fernsehen noch lieber gewesen, ein oft ermüdender Krimi mit realsozialistischem Hintergrund, in dem selbst die Übeltäter noch zahm und irgendwie sympathisch schienen.
Damals muss ich etwa 12 bis 14 Lenze gezählt haben, und eine Sendung wie „Wetten, dass“ war so ziemlich das Letzte, wonach mir der Sinn stand. Ich fand es damals auch irgendwie seltsam, dass meine Kumpels, gleichaltrige Jungs, sich eine Sendung für alte Opis und Omis reinziehen, die sich an langweiligem Gequatsche, uninteressanten Saalwetten und zotigen Altherrenwitzen ergötzen, unterbrochen durch gleichfalls sinnloses Gedudel und Gekreische – nichts anderes war „Wetten, dass“ damals für mich. Gefühlte 100 Jahre muss man wohl alt sein, um eine solche Sendung zu mögen, so dachte ich damals.
Heute denke ich immer noch so. Ich habe noch nie „Wetten, dass“ von Anfang bis Ende gesehen. Selbst das kurze Intermezzo von Wolfgang Lippert als Moderator, der später mal eine Kombizange im Baumarkt geklaut haben soll, ist mir völlig entgangen. Damals war ich als Zeitzeuge vor dem Bildschirm nicht präsent. Ach so, ich hatte ja damals gar keine Glotze. Und Gottschalk, nun ja, Gottschalk ist Gottschalk.
Nie habe ich so richtig verstanden, wie man sich an solch einer spaßbefreiten miefigen Spießersendung noch ergötzen kann.
Ich erinnere mich an langweilige, freudlose Abende aus meiner Kindheit, als ich bei Oma und Opa zu Besuch war und im Fernsehsessel der Dramatik von „Wetten, dass“ oder gar den „Spielen ohne Grenzen“ beiwohnen musste, stets vergeblich darauf hoffend, dass mein Opa als alleiniger Gebieter über das Fernsehprogramm doch irgendwann zu einem anderen Kanal umschalten möge, wo vielleicht ein Western oder Dr. Mabuse-Krimi lief…
Dabei lag ich mit meiner Meinung völlig falsch, denn „Wetten, dass“ ist offenbar bis heute eine der beliebtesten Unterhaltungsshows in Deutschland, eine Show für die ganze Familie, wie sie auf den Sofas leibt und lebt.

Und sieh da: Fast ein halbes Jahrhundert, nachdem ich erstmals von ihrer Existenz hörte, läuft ja die gleiche Sendung immer noch, wie ich gestern beim zufälligen Zappen gesehen habe. Ich hatte das verzweifelte Gejodel gestern zwar erst fürs Musikantenstadl gehalten, aber es war tatsächlich der Höhepunkt des turnusmäßigen Wetten-dass-Spektakels aus Halle, oder war es Leipzig? Nicht mal der Moderator war sich da so ganz sicher.
Ja, Markus Lanz heißt er, der glückliche Entertainer, der die Ehre hat, als Kapitän das betagte Flaggschiff der bundesdeutschen Unterhaltungskunst zu neuen Ufern zu führen.
Wie lange es diese Sendung aus dem letzten Jahrtausend wohl noch geben wird? Wird sie mich überleben?
Gerüchteweise soll einer der ZDF-Oberen hierzu gesagt haben: „Sie (die Sendung) wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.“
Und die da oben vom ZDF machen es schließlich nur für uns, die Zuschauer. Die Gebührenzahler. Die sich in der ersten Reihe den Wolf sitzen.

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