Zur Frage der Erdnüsse

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Als Schüler arbeitete ich in den Ferien einmal einige Wochen in einer Erdnussfabrik. Hab ich das schon mal erzählt?
Im Sozialismus war bekanntlich Kinderarbeit erlaubt und auch erwünscht, jedenfalls insoweit, als dass man als Schüler ab einem bestimmten Alter, ich glaube etwa ab 14, in den Ferien einer bezahlten Beschäftigung in einem volkseigenen Betrieb nachgehen konnte. Etwa vier oder sechs Wochen pro Jahr waren im Rahmen dieser Ferienjobs ab einem bestimmten Alter erlaubt. Ich weiß nicht mehr genau, ob es jetzt vier oder sechs Wochen waren, aber in jedem Fall war das an die Dauer der Ferien geknüpft, und in den Sommerferien hatte man ohnehin nur maximal vier Wochen Zeit. In den Winterferien wollte kaum jemand von uns Zeit opfern, obwohl man auch damals das Geld immer gut gebrauchen konnte. Damals war ich auch 14 oder 15 und wollte mir das nötige Geld zusammensparen, das ich für einen neuen Kassettenrecorder oder einen fahrbaren Untersatz einsetzen wollte. Mit 15 konnte man den Führerschein fürs Moped machen, mit 16 dann noch eine kleine Erweiterungsprüfung für Motorräder ablegen. Na ja, viel mehr gab’s ja eh nicht zu kaufen, jedenfalls nichts, was einen Jugendlichen interessiert hätte.

Für die Ferienarbeit konnte man sich im Prinzip bewerben, wo man wollte. Es haben eigentlich fast alle Betriebe, wenn ich mich erinnere, in der Sommerzeit gern Schüler eingesetzt. Im Sozialismus, also unter planwirtschaftlichen Bedingungen herrschte immer Fachkräftemangel, so wie heute auch, und die DDR bildete da keine Ausnahme. Daher konnte man selbst als Schüler in ein paar Wochen ganz gutes Geld verdienen. Steuerfrei natürlich.
Auch abgesehen vom finanziellen Aspekt war das sinnvoll, da man wertvolle Erfahrungen im sozialistischen Arbeitsalltag sammeln konnte. Und seinen persönlichen Interessen konnte man auch Rechnung tragen. Der eine hatte halt eher ein Faible für’s Technische und wollte daher im Motorenwerk arbeiten, der andere wollte vielleicht aus irgendeinem Grund in die Konservenfabrik, und viele machten sich auch im örtlichen Spirituosenabfüllbetrieb nützlich. Die Tätigkeit dort war sehr beliebt. Sozialismus ist, wenn jeder das macht, was er will, und dafür noch gut bezahlt wird. Gute Sache also, aber wem sag ich das. Lernt man ja auch so in den neuen bundesdeutschen Schulen.

In dieser Fabrik also, in der ich einige Wochen eine im grauen Betonfundament verankerte hochpräzise Press- und Stanzmaschine bedienen durfte, wurden Erdnüsse hergestellt, also nicht nur sortiert, geröstet oder verpackt, sondern tatsächlich gefertigt, produziert. Dazu folgender Hintergrund: In Mitteldeutschland, wie auch in ganz Mittel- und Nordeuropa, konnten und können bekanntlich aus klimatischen Gründen keine Erdnüsse angebaut werden, daher wurden die seit den 80er Jahren in der DDR synthetisch produziert. Wegen des chronischen Devisenmangels war man damals im DDR-Wirtschaftsministerium auf die Idee gekommen, Erdnüsse künstlich nach einem eigens patentierten Verfahren herzustellen. Produkt und Herstellungsverfahren wurden in den 70er Jahren auf der Leipziger Messe mit einer Goldmedaille ausgezeichnet, aber da hatte man natürlich als Endanwendung nicht speziell die Erdnüsse erwähnt. Man wollte sich diesbezüglich auch vor Sabotage und Wirtschaftsspionage aus dem Westen schützen, denn wenn das bekannt gewesen wäre …
Es galt da nicht unbedingt die höchste Geheimhaltungsstufe, aber sagen wir einfach, die Sache wurde nicht an die große Glocke gehängt. Durfte übrigens auch nicht jeder in solch einem Schlüsselbetrieb arbeiten, heute würde man systemrelevantes Unternehmen sagen. Für die Auswahl der dortigen Beschäftigten war auch die Kaderakte mitentscheidend. So hieß das ja damals.

Aber zurück zum Thema: Hart arbeitende Menschen, selbst unter sozialistischen Bedingungen, hatten ihre Bedürfnisse und wollten zu ihrem wohlverdienten Feierabendbier – das gab es ja auch – gern leckere Erdnüsse knabbern, die das staatliche Außenhandelsunternehmen allerdings gegen harte Währung aus Südamerika importieren musste. Devisenmangel war ja immer ein schmerzliches Thema für die DDR-Wirtschaft. Bei Kaffee war die Lage übrigens ähnlich, also in diesem Sinne vergleichbar: Da war es ja so, dass man dann in den späten 70er Jahren oder Anfang der 80er anregte, in befreundeten und klimatisch in Frage kommenden sozialistischen Bruderländern, z. B. in Vietnam, Kaffeeplantagen anzulegen. Langfristig gesehen – Kaffeepflanzen wachsen sehr langsam – erwies sich diese Entscheidung auch als richtig und wegweisend, allerdings existierte die DDR dann nicht mehr, als endlich die ersten Kaffeebohnen in Vietnam geerntet werden konnten. Mittlerweile ist Vietnam sogar zum zweitgrößten Kaffeeexporteur der Welt aufgestiegen. Wie auch immer, bei Erdnüssen ging das sowieso nicht. Bei Erdnüssen war die Lage anders, denn die wuchsen unter den klimatischen Bedingungen der damaligen sozialistischen Welt nicht. Vielleicht wäre es in Kuba möglich gewesen, aber Kuba war schon dicht mit Zuckerrohr und Tabakpflanzen bewachsen, daher begab man sich auf die Suche nach innovativen Verfahren oder zumindest Ideen zur Entwicklung von Surrogaten oder alternativen Herstellungsmethoden, um diese teuren Importe aus den kapitalistischen Erdnussanbauländern zu substituieren. Am besten so, dass keiner den Unterschied bemerkt. Und das gelang bei Kaffee auch eher schlecht, wie man weiß, bei den Erdnüssen hingegen sehr gut.

Und das kam so: Wissenschaftler aus dem Berliner Institut für Fettchemie waren in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Technische Stoffe der TU Dresden bei ihren Forschungen zur Optimierung gemischgeschmierter Zweitaktmotoren eher zufällig auf eine Entdeckung gestoßen: Ein neuartiges streichfähiges Industriefett mit Erdnussgeschmack. Die Entdeckung des Erdnussgeschmacks war nur das glückliche Ergebnis eines kleinen Streichs unter Kollegen, wie er damals oft vorkam, als man einen jungen arroganten Doktoranden zum Feierabend aus Gründen der Selbsterziehung erst mit dem Kopf und dann mit dem ganzen Oberkörper solange in eines der dort gelagerten 300-Liter-Fässer drückte, bis er das versuchsweise angesetzte Fett versehentlich schluckte. Der Mann erbrach sich beim ersten Mal, aber überlebte. Er sei dann gewissermaßen auf den Geschmack gekommen, so erzählte mir das jedenfalls einer der im Lebensmittelkombinat angestellten Technologen damals im Sommer. Gesundheitlich völlig unbedenklich, wie sich dann später in einem Feldversuch herausstellte, bei dem man das Fett mit einem Anti-Brechmittel versetzte und probeweise in unterschiedlichen Anteilen dem Nudossi- und Margarine-Kontingent für die lokale Bevölkerung in den Bezirken bzw. Regionen Dresden und Halle/Leipzig beimischte. Daraus ergab sich alles Weitere: In langjähriger Forschungsarbeit entwickelten Lebensmittelchemiker ein speziell aromatisiertes Eiweiß-Stärke-Pulver, das zunächst mit diesem Fett durchtränkt und danach unter ultrahohem Druck in kleine Erdnusskernformen gepresst wurde. Die fertigen Kerne wurden daraufhin kurzzeitig erhitzt, um den Röstungsvorgang zu simulieren, und abschließend in ein Bad mit Lebensmittelfarbe getaucht. Der Vorteil dieser Kerne war die lange Haltbarkeit und die fehlende allergene Wirkung. Als dann Ende der 70er Jahre während der US-Präsidentschaft von Jimmy Carter die Weltmarktpreise für Erdnüsse in die Höhe schossen – zufällig war Carter selbst Erdnussfarmer, aber da gab es wohl keinen Zusammenhang – da ergab sich für die DDR die Chance, wertvolle Devisen mit diesen künstlich hergestellten Erdnussprodukten zu erwirtschaften. Auch diesen NSW-Exporten ist es zu verdanken, dass die DDR wirtschaftlich so lange existieren konnte. Viele Containerladungen, so viel wie man nur produzieren konnte, wurden bis Mitte der 80er Jahre (dann wurden auch die Grundstoffe knapp) ins westliche Ausland exportiert und vorwiegend an große westdeutsche Handelsketten zu Dumpingpreisen verkauft. Diese synthetischen Erdnüsse wurden vielerorts im Westen abends bei Tagesschau und Schimanski-Tatorten konsumiert, ohne dass man ahnte, dass sie nicht echt waren.
Na ja, was heißt nicht echt? Die sozialistischen Nüsse waren preiswert, nahrhaft, gut gewürzt und sahen täuschend echt aus. Spätfolgen? Vernachlässigbar, würde ich sagen. Kurioserweise landeten viele dieser synthetischen Erdnüsse in knalligen Blechdosen und vakuumierten Verpackungen mit bunten Aufdrucken über den Umweg der sogenannten Westpakete zu Weihnachten, Geburts- oder anderen Feiertagen dann doch wieder in der DDR. Man war dann, so hörte man, im Westen zuweilen ungehalten, weil viele Ossis darum baten, ihnen lieber andere Sorten Erdnüsse, also andere Marken zu schicken. Die Verwandten im Westen dachten natürlich immer, dass ihre ostdeutschen Brüder und Schwestern sowie deren Kinder, die undankbare Brut, ziemlich anspruchsvoll und verwöhnt sein müssten, aber die meisten Bürger da erkannten irgendwie ihre eigenen Produkte und wollten nicht das zur Nussform gepresste aromatisierte Pulver fressen, das man eigens zur Devisenbeschaffung für den dekadenten Westen produziert hatte … Gegen Ende der DDR hatte man sogar geplant, künstliche Nussschalen aus einem neuartigen Kunststoff als Umhüllung für synthetische Erdnüsse herzustellen, um die Täuschung zu perfektionieren. Da wäre man gewissermaßen weltweit auch Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit und Schutz natürlicher Ressourcen gewesen. Leider scheiterten die ehrgeizigen Pläne zur Massenproduktion von Erdnussschalen wieder am Devisenmangel, da man die für die Produktionslinien nötigen Maschinen und Gussformen im Westen hätte einkaufen müssen. Dann ging’s ja auch bald zu Ende mit dem Sozialismus, vorerst jedenfalls. Die entsprechenden Erdnussproduktionsanlagen und Patente wurden dann wohl in den Wirren der Wiedervereinigung von der Treuhand für eine symbolische Mark an irgendeinen westdeutschen Handelskonzern verkauft. Keine Ahnung, was die dann damit gemacht haben; ist ja eigentlich auch egal, wa?
Hmm, diese gesalzenen Nüsse aus der Dose vom Kaufland sind ja schon sehr lecker. Und dann noch so billig, echt Klasse … Aber ich glaub, ich knack’ lieber erstmal noch ein paar echte …

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