Zur Objektivitätsfrage

Eine Frage, die ich mir selbst gelegentlich stelle, ist die nach der gebotenen Objektivität in den hier oder anderswo veröffentlichten Blog- oder Forenbeiträgen. Wie neutral und unparteiisch muss ich in meinem Urteil sein, das ich der Welt oder besser der deutschsprachigen Blogosphäre zur Kenntnis gebe. Muss ich mich verpflichtet fühlen, in einem öffentlichen Blog objektiv zu sein? Kann ich denn überhaupt objektiv sein?

Inspiriert wurde ich übrigens durch einen Beitrag in einem sehr erfrischenden Blog, in dem ich seit einigen Wochen immer gern mitlese (Dark Lord: Selbstversuch – eine Bilanz). Das Mitlesen in anderen Blogs ist nebenbei gesagt auch oft ein stimulierendes Mittel zur Bekämpfung der eigenen Schreibunlust… Obwohl das mit der Schreibunlust bei mir eigentlich nicht zutrifft, wenn ich ehrlich sein soll. Ich halte nur vieles, von dem, was ich schreibe, nicht für mitteilenswert oder veröffentlichungswürdig, daher bleibt es in einem Ordner auf der Festplatte. Ich will euch halt nicht langweilen, jedenfalls nicht mehr als nötig… Daher fasse ich mich heute wieder kurz:

Ich denke nicht, dass ich wirklich objektiv bin oder sein kann. Abhängig vom jeweiligen Thema des Beitrags versuche ich mehr oder weniger, weitgehend sachlich und unvoreingenommen zu schreiben. Aber auch da stutze ich schon bei Begriffen wie „unvoreingenommen“ oder „unparteiisch“, denn das bin ich natürlich nicht. Was ich schreibe und wie ich argumentiere, ist immer durch meine persönliche, subjektive Sicht der Dinge beeinflusst, selbst wenn es mir nicht bewusst sein sollte. So sollen laut Freud 90 % unserer Entscheidungen durch das Unterbewusstsein gesteuert sein (wenn ich mich recht erinnere).
Ich bin auch nur ein Subjekt, dem ein Bewusstsein innewohnt, durch das die objektive Realität wie ein Lichtstrahl in einem Prisma gebrochen und gefiltert wird (vgl. Marx, nach dem Gedächtnis zitiert). Niemand kann als Person objektiv sein, denn selbst wenn ich keine wertenden Kommentare oder Artikel in den populären Medien lese und ganz auf jegliche tendenziöse Berichterstattung in der Mainstream-Presse, die Medienhysterie, auf die ganzen meinungssteuernden Talkshows verzichte und nur auf frei verfügbare, nackte Fakten zugreife, sofern ich von deren Wahrheitsgehalt überzeugt bin, fließt dieser Informationsstrom trotzdem durch den Filter meines eigenen Bewusstseins, das bei der Deutung und Interpretation dieser Fakten auf das von mir Erlebte zurückgreift: auf alle von mir gesammelten Erfahrungen und Eindrücke, die Gespräche und Diskussionen mit Eltern, Freunden, Bekannten, Kollegen, die Erziehung im Elternhaus, Schule, Wehrdienst, Studium, die Jahre im Ausland, die diversen politischen Einflüsse aus zwei Gesellschaftssystemen usw. usf.
Aus all diesen Eindrücken und Informationen, die man bislang aufgenommen hat, bildet sich im Unterbewusstsein des ICH ein virtuelles, als Bezugspunkt dienendes Lebens- oder Erfahrungssubstrat, das die persönlichen Wertungen und Entscheidungen stets beeinflusst… Da jeder Mensch demnach auf eine andere Weise vorgeprägt („hard-coded“) ist, nehmen wir zwar immer auch Handlungsalternativen und optionale Weichenstellungen im Leben wahr, können uns allerdings von unserer subjektiven Vorprägung (im Unterbewussten) nie völlig befreien, solange wir leben. Selbst wenn man sich vornähme, konsequent das Gegenteil von dem zu tun, was man intuitiv tun würde oder früher tat, so wäre dies auch nur eine Reaktion auf diese unbewusste Vorprägung…
Wäre es anders, würde vielleicht auch die Welt eine andere sein – veränderlicher, wandel- und erneuerbar. Aber auch dies wiederum nur meine rein subjektive Meinung…

One thought on “Zur Objektivitätsfrage”

  1. “Wäre es anders, würde vielleicht auch die Welt eine andere sein – veränderlicher, wandel- und erneuerbar. Aber auch dies wiederum nur meine rein subjektive Meinung…” <<< Nicht nur deine Meinung, auch meine. Darüber hinaus aber auch ein Faktum. Wir leben in einer eingefahrenen Schiene, wird Zeit sich was zu ändern. Oder? Seit Jahrzehnten immer nur der gleich Trott, tagein, tagaus. Nichts ändert sich, nur die Vorgehensweise wird "offener", nicht mehr so subtil wie früher.

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